Höhentraining seit 1987

Höhentraining seit 1987

Sleep High, Train Low: Zwischen Performance-Boost und Todeszone


In den 90er-Jahren, als ich meine Höhentrainingslager in Davos absolvierte, kam ein revolutionäres Konzept auf: „Sleep High, Train Low“. Die Idee war so simpel wie genial – nachts in der Höhe die Produktion roter Blutkörperchen ankurbeln und tagsüber mit voller Intensität trainieren. Da man im Davoser Winter als Triathlet kaum Rad fahren konnte, behalfen wir uns mit den ersten Hypoxie-Generatoren.

Diese lauten Ungetüme bliesen sauerstoffarme Luft in unsere Zelte. Wir nutzten es vor und nach den echten Höhentrainings-Lagern, um den Effekt zu konservieren. Doch offen gesagt: Es brachte damals kaum etwas. Warum? Weil wir es mit der Höhe schlicht übertrieben haben. Wir kannten die physiologischen Schwellen nicht und raubten uns die nächtliche Regeneration.

Die Zonen der Höhe: Wo hört der Spass auf?

Heute wissen wir genau, wie der Körper auf Sauerstoffmangel reagiert. Diese Skala sollte jeder Athlet im Schlaf beherrschen:

HöhenlageBezeichnungPhysiologische Reaktion
Meereshöhe – 2.000 mProblemlos bewältigbar
ca. 2.000 mReaktionsschwelleErste Anpassungen beginnen
2.000 m – 3.000 mVolle KompensationKörper gleicht Sauerstoffmangel aus
3.000 m – 4.000 mStörungsschwelleLeistung sinkt merklich
4.000 m – 6.000 mUngenügende KompensationDauerhafter Aufenthalt wird kritisch
ca. 6.000 mKritische SchwelleGrenze der dauerhaften Akklimatisation
6.000 m – 8.000 mKritische ZoneStarker physischer Verfall
ca. 8.000 mTodesschwelleÜberleben nur für Stunden möglich

Ein Training mit gewohnter Intensität ist in der Höhe kaum sofort möglich. Es braucht eine mehrtägige Akklimatisationsphase, bevor man die Belastung wieder auf das normale Mass steigern kann.

Lokale Hypoxie: Blood Flow Restriction (BFR)

Ein weiterer Trend ist die lokale Hypoxie. Statt die Luft dünner zu machen, begrenzt man mittels Manschetten die Blutzufuhr zum trainierenden Muskel (Okklusionstraining). Durch das Abbinden der Extremitäten wird der venöse Rückfluss blockiert, was zu massivem Stoffwechselstress führt. Der Clou: Man erzielt Hypertrophie-Effekte und Kraftzuwachs mit sehr leichten Gewichten (ca. 20–30 % der Maximalkraft). Das schont die Gelenke, brennt aber wie die Hölle.

Die dunkle Seite: Wenn der Ehrgeiz tödlich wird

In Ländern wie Norwegen oder Italien war „Sleep High, Train Low“ in einem Höhenzelt lange verboten – erst seit letztem Jahr ist es wieder offiziell erlaubt. Wie gefährlich das Spiel mit dem Sauerstoff ist, zeigt der tragische Fall des norwegischen Biathleten Sivert Guttorm Bakken. Er wurde mit nur 27 Jahren tot in seinem Hotelzimmer in Lavazè aufgefunden – mit einer Höhentrainingsmaske im Gesicht.

Ich vermute hier eine fatale Kombination: Wenn ein Athlet Schlafmittel nimmt, schaltet er die natürlichen Warnsignale des Körpers aus. Der Körper kann auf die extreme Sauerstoffschuld nicht mehr durch Aufwachen oder Atemsteigerung reagieren – man stirbt buchstäblich im Schlaf.

Warum ich „Kopfzelte“ ablehne

Gerade die kleinen Kopfzelte halte ich für absolut unseriös. Mit einem Luftvolumen von nur etwa 1 m3 wird die Luft kurzfristig stickig. Zudem hat der Generator bei so wenig Volumen ein leichtes Spiel, die simulierte Höhe in gefährliche Bereiche zu treiben. Die Athleten übertreiben es, die Sättigung fällt in den Keller und die Erholung bleibt aus.

Mein Fazit: Höhentraining ist ein Präzisionswerkzeug. Wer es ohne fundiertes Wissen und Respekt vor den physiologischen Schwellen nutzt, riskiert nicht nur seine Form, sondern sein Leben.

Dein Roy

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen
Dein Warenkorb ist derzeit leer.

Zurück zum Shop